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ARCHITEKTUR UND KUNST

INTERVIEW WITH PROFESSOR TOBIAS WALLISSER



Interview with Prof. Tobias Wallisser
LAVA

Digitale Entwurfsmethoden


Sie sind Architekt und Professor für innovative Bau- und Raumkonzepte an der Akademie der Bildenden Künste Stuttgart. Für Ihre Projekte nutzen Sie modernste digitale Entwurfsmethoden. Welchen Einfluss hat die Digitalisierung und computergestützte Fertigung auf die kreative Arbeit von Architekten?

Mit der Wahl der Werkzeuge änderten sich die Modelle. Das gilt auch für digitale Entwurfsmethoden, sie haben Einfluss auf das, was entsteht. Die Zeichnung per Hand ist immer mittelbar. Sie ist die Präsentation von dem, was man im Kopf hat. Sie arbeiten damit nicht am Projekt selbst, sondern an der Projektion des Projekts. Wenn Sie dagegen dreidimensional arbeiten, arbeiten Sie am Objekt selbst. Sie können schneller Dinge ausprobieren, aber darunter leidet zum Teil die Zeichnung als künstlerische Darstellungsform. Für mich ist eine gute Zeichnung eine hervorragend kompakte Darstellung und damit bis heute eine eigene Kunstform. Aber unabhängig davon darf die konzeptionelle Herangehensweise nicht vernachlässigt werden.

Gibt es noch Zeichnungen, Skizzen per Hand oder wird inzwischen alles am Rechner gemacht?

Händische Skizzen gibt es nach wie vor, weniger, um darzustellen, wie es später wirklich aussehen soll, sondern eher um zu klären, was die Anfangsbedingungen sind oder welche Informationen sich wie miteinander verknüpfen lassen. Diese Skizzen werden kombiniert mit der 3D-Darstellung, welche sich ausgedruckt von Hand bearbeiten lässt. Mit dem Stift in der Hand hat man oft mehr Ruhe und sieht andere Dinge als am Rechner. Ich persönlich favorisiere eine Kombination von beidem.

Kann man bei den Studenten neue Herangehensweisen in der Konzeption beobachten im Vergleich zu früheren Architekten-Generationen?

An den Hochschulen wächst eine Generation heran, die gleich von Beginn an alles am Rechner macht. Sie sind extrem schnell, was die Umsetzung angeht, aber manchmal bei der Konzeption noch nicht genauso weit. Dabei besteht die Gefahr, sich blind auf das Werkzeug zu verlassen und den Bezugsrahmen aus dem Auge zu verlieren. Man hinterfragt seltener, ob es überhaut die richtige Lösung ist, die das Programm da gerade anbietet. Das war aber ähnlich als die 2D-Zeichnungen am Rechner aufkamen. Das Wichtigste ist die intuitive Arbeit mit dem jeweiligen Programm, dass es nach wie vor eine gewisse Unschärfe gibt, die Offenheit für Erfindungen im Prozess zulässt.

Sie haben vor zwei Jahren den Armstrong Messestand zur BAU entworfen und komplett mit Linoleum verkleidet. Was war die Herausforderung auf dem Weg vom digitalen Entwurf zum realen Stand?

Die Idee war, ein zweidimensionales Linoleum-Muster auf eine dreidimensionale Landschaft zu projizieren. Damit konnten wir das angenehm haptische Linoleum erlebbar machen auf Boden, Wand und Decke. Schwierig war, dass man nicht einfach alles vorfertigen und vor Ort nur noch wie Puzzlestücke zusammensetzen konnte. Die Elemente einer Farbe konnten wir vorfertigen, den Rest mussten Fachleute vor Ort per Hand zuschneiden. Eine Computerdarstellung suggeriert oft, dass einfach alles zusammenpasst, was sich aber nicht immer realisieren lässt – je nach Maßgenauigkeit in der Fertigung und Materialtoleranzen. Mit meinen Studenten mache ich daher immer eine dreidimensionale Zeichnung, dann bauen wir einen Prototypen, schauen was funktioniert und was nicht, und dann wird die dreidimensionale Zeichnung angepasst. Auch Einbausequenzen müssen berücksichtigt werden: So wie sich ein klassisches Puzzlestück auch nicht einfach in die Lücke hinein schieben lässt, sondern von oben in die Lücke gedrückt werden muss, so muss man auch über Zwischenzustände nachdenken und über den realen Zusammenbau. Vorteil der digitalen Arbeit sind Feedbackmöglichkeiten, Evaluierungsschleifen und die Variation selbst komplexer Datenmengen.

“Green ist the new black“, kann man auf Ihrer Website lesen. Profitieren Green Buildings von neuen Softwarelösungen?

Das Thema Nachhaltigkeit muss bereits in der Planung einfließen. Gerade da sind die neuen Technologien von Vorteil, weil man Materialeigenschaften oder performative Aspekte sehr früh testen kann – im Vorfeld am Computer und nicht erst am fertigen Bauwerk. So simulieren wir beispielsweise mit Klimadaten von einem speziellen Ort die thermischen Gegebenheiten übers Jahr hinweg.

Sie haben den Wettbewerb für das Zentrum der Ökostadt Masdar City nahe Abu Dhabi gewonnen. Wie sind Sie an das Konzept herangegangen, was ist die Herausforderung bei dem Projekt?

Masdar City soll ja die erste CO2-neutrale Stadt der Welt werden. Wir haben bei dem Wettbewerb für ein Hotel- und Konferenzzentrum mitgemacht, waren aber der Meinung, dass ein Stadtzentrum vielmehr ein öffentlicher Raum sein müsste. Daher haben wir die Gebäude am Rand platziert und einen großen Platz geplant – der erste öffentliche Außenraum in einem solchen Wüstenklima. Die Herausforderung ist es, dort ein angenehmes Klima zu schaffen. So haben wir eine Beschattung mittels Schirmen geplant, die nachts eingefahren werden können, damit der Platz auskühlt. Der Boden wird zudem gekühlt und die Energie dafür wird gewonnen aus Solarpaneelen auf den Schirmen. So ist nach und nach das Konzept gewachsen. Wie Tulpen werden die riesigen Sonnenschirme jetzt im geschlossenen Zustand aussehen, geöffnet erinnern sie an Sonnenblumen.

Herzlichen Dank für das ausführliche und spannende Interview!

LAVA wurde 2007 von Tobias Wallisser, Chris Bosse und Alexander Rieck als internationales Netzwerk gegründet und ist durch spektakuläre Projekte wie den Michael Schumacher World Champion Tower in Abu Dhabi bekannt geworden. Im Moment arbeiten rund 20 Mitarbeiter an den Standorten Stuttgart und Sydney sowie in Abu Dhabi. Zur BAU 2009 hat das Büro den komplett mit DLW Linoleum verkleideten Armstrong Messestand entworfen und realisiert.

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